Über das Entstehen des Raumes durch Kunst und das Entstehen der Kunst durch Raum

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Noch verbindet eine Metallkette die Bauzäune an der Zufahrt zur Baustelle, verhindert raumgreifendes Verschieben. Zentral baumelt daran ein wettergeprüftes Zahlenschloss mit stockendem Mechanismus. Nach Westen hin aber erlaubt die Umfriedung streckenweise eine Begehung, zunächst entlang der KornelkirschenHecke, die ihre rotreifen Beeren dem Asphalt entgegenhält und Orientierungsreaktionen auslöst. Zum Eindringen lädt der schmale Pfad an der kaum entworfenen Nahtstelle ein, dort, wo die gewachsene Bebauung des Dorfes an den RAUMdurchKUNST grenzt. Hier bilden Feldahorn, Hasel und das dichte Grün weiterer Büsche verwachsen mit der umfriedenden Membran die erste Bühnenkulisse, den initialen materiellen Input für Kunst, die diesen Ort prägen wird. Das Kunst-Erleben aber vollzieht sich in einem oikos, einem lebendigen Haus mit zahllosen Türen und Fenstern. 

Ein Betonsockel, stabile Wände, beschlagen mit Dämmmaterial, dazwischen graue Stützpfeiler. Behütet unter dem auf Holzstreben aufgespannten Dach finde ich mich im Schutzraum für den Cubus. Dennoch strömt allumher der Duft aufgebrochener Erde. Im Näherkommen spüre ich die ungleichmäßigen Plastiken der Kiesel unter den Füssen, lausche dem unerwartet aufklingenden Ruf eines Vogels aus dunklen Nadelbäumen. Es treibt die Neugier, sie aktiviert, kräftigt den Schritt. Der Raum öffnet sich gleich einem Kunstwerk, sinnlich, intellektuell und emotional in einem Zug. Schon setzt er Transmitter frei, die ausschwärmen, ihre vielgestaltigen Schlüsselbärte in die Mulden und Höhlen zu senken, die wir Menschen ungeschützt in die Welt hinaus tragen. An diesen Stellen entscheidet sich, ob der Funke des Interesses überspringt, oder ob wir achtlos vorübergehen werden. 


 Noch wehen Winde durch flügellose Tore, die das Sonnenlicht ungebremst den weiten Raum fluten lassen. Kleingestaltig senkt sich der Blick einige Male vom Mikadospiel aus hellen Deckenbalken hinunter zum bühnenhaften Cubus, dessen geöffnetes Zimmer ich nun betreten werde. Und sofort beginnt das Erleben. Gespeist von materiellen und energetisierenden Ein-Flüssen formt es das operative Abbild eines Systems von künftigen Tätigkeiten. Sensomotorische, bildhafte und kognitive Prozesse, über Rückkopplungsschleifen hierarchisch und sequenziell aufeinander abgestimmt, geben dem Verhalten eine Intention, richten es aus zur Handlung. 

Gebe ich auf diesem Weg einer der drei Regulationsebenen den Vorzug? Bleibe ich etwa visueller und intellektueller Rezipient, einen inneren Dialog führend über meine Wahrnehmung des Raumes, seiner Bedeutungen, der beim Bau verwendeten Materialien und Techniken? Oder verarbeite ich die Eindrücke zu etwas Neuem, entwickele aus ihnen ein kreatives Konzept? Der Grat zwischen Rezeption und Produktion ist schmal, mitunter unscharf. 

Mit der Wahl des sensomotorischen Zuganges liefere ich mich schließlich seiner vollkommenen Maskierung aus, denn nun werde ich von den Wänden des Cubus und des ihn umwölbenden Bauwerkes Frottagen abnehmen. Außer dem Ziel, eine Art Kopie anzufertigen, ist das Handeln dabei von keiner Funktion festgelegt. Indem der Grafit-Block rhythmisch über das Papier reibt, erscheint ein graues Abbild der darunterliegenden Strukturen. Manche ihrer Verdichtungen offenbaren Ornamente und Gestalten und die dreidimensionale Anmutung der Grafiken täuscht räumliche Qualitäten vor, wie wir sie nur von fachkundiger Hand erwarten würden.

Mein kreativer Anteil am Entstehen der Formen und Inhalte aber nimmt sich im Vergleich mit der Vielfalt der unmittelbar aus dem Material aufscheinenden Muster bescheiden aus. Vielmehr wohne ich als staunender Zeuge visuellen und haptischen Entdeckungen bei, die ich aber als Künstler erst herbeiführe. 

Wird der Cubus eines Tages vielleicht auch zu einem oikos, einem lebendigen Haus mit Türen und Fenstern. 

Gerd Lepic, September 2022