RAUMdurchKUNST - RAUMdurchWORTE 

Der Ort einer Verwandlung

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Gegenüber der holprigen Einfahrt am Sindelsdorfer Ortsrand haben sich Einsatzkräfte der Bayerischen Polizei positioniert. Hin und wieder ragt eine Hand, dann ein uniformierter Kopf aus der spaltbreit geöffneten Schiebetür des Kleinbusses. Heute, an einem der letzten Junitage, werden die Staatschefs der sieben führenden demokratischen Wirtschaftsstaaten aus Schloss Elmau abziehen. Noch aber sprechen sie dort miteinander vor märchenhaften Kulissen; sieben Riesen vor den sieben Bergen, von denen manches Weltwunder erwartet wird.
Vor einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, im nahegelegenen Benediktbeuern eine Ausstellung zur Offenbarung des Johannes vorzubereiten. Seine Drohschrift hatte der eifrige Mahner an sieben Gemeinden gerichtet, sieben Posaunen ließ er erschallen und sieben Engel gossen sieben Schalen über die Erde, jede davon angefüllt mit göttlichem Zorn. In Sichtweite zum Kloster, einem von drei, die den
Ort Sindelsdorf länger als ein Jahrtausend prägten, setze ich beide Füße auf Riesel, Splitt und Schotter. Dieses Land am Kochelseemoor war bereits zwei Jahrhunderte vor der Gründung der Klöster Benediktbeuren, Schlehdorf und Kochel von Siedlern gerodet worden; die es durchschneidenden Verkehrswege reichen bis ins zweite vorchristliche Jahrtausend zurück. Nach Süden lasse ich den Blick schweifen, von den Kämmen der Benediktenwand, über die milde Kuppe des Jochbergs, über den Einstieg zum Passübergang nach Tirol bis zu Herzogstand und Heimgarten. Ich kenne das Terrain. Nicht immer hatte die Sonne den Kiesboden neben dem frühbajuwarischen Gräberfeld so trocken gelegt wie heute.

Gegen 12 Uhr rollt Yvonne Fontanes Wagen von der Hauptstraße die steinige Spur hinauf, passiert einen aufgegebenen Grabstein, der sich unter rauschenden Laubbäumen der Baugrube entgegenneigt, den Wächtern über die Metamorphose. 12 ist das Produkt der Multiplikation von drei und vier. In der christlichen Symbolik des Mittelalters steht die Drei für die vom dreifaltigen Gott erschaffene geistige Sphäre, die Vier für alles Materielle, das sich nach antiker Überlieferung aus vier Elementen zusammensetzt. Mit der Sieben, der Summe dieser beiden symbolträchtigen Zahlen, verbindet Yvonne Fontane Persönliches; ein Chiffre für das Menschliche selbst, in dem sich Geistiges und Körper verbinden. Für unsere Verabredung hat die Bauherrin vor einer halben Stunde einen anderen ihrer zahlreichen Arbeitsplätze hinter sich gelassen, das Aufnahmestudio, in dem ihr „Song Seven“ aufgezeichnet wurde.
Gemeinsam verlassen wir den kompakten Schattenteppich, den die drei Wächter vor den Säulengang legen und schreiten sieben der 14 Pfeiler ab, die von beiden Längsseiten aus den künftigen RAUMdurchKUNST-Saal stützen werden. In gegossener Inschrift exponieren vier der grauen Atlanten den Namen des Ausstellungs- und Veranstaltungsraumes. Im Verbund mit der Stützarchitektur der für Manfred Dangl, Yvonne Fontanes Ehemann, geplanten Steinmetz-Halle, ragen insgesamt 26 Betonträger dem Sommerhimmel entgegen. Sie leiten die Blick und entführen unsere Gedanken in die Sphäre der Planungen und Möglichkeiten. 
 

RAUMdurchKUNST wird Werke von zeitgenössischen  regionalen und überregionalen Kunstschaffenden präsentieren und zum Kauf anbieten. 
Unterschiedliche Formen und Stilrichtungen aus den Bereichen Bildende Kunst, Musik, Literatur, Darstellende Kunst und Kleinkunst werden zur gleichen Zeit an einem Ort zu erleben sein. Kunstwerke begünstigen eine Spiegelung der inneren Zustände derjenigen Menschen, die sich ihrer Wirkung aussetzen. Mit zunehmender Beteiligung der unterschiedlichen Sinnesmodalitäten wächst die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entsprechung - die simultane Präsentation verschiedener Kunstformen birgt die schöpferisch verwandelnden Potenziale von Synchronizität und Kausalität in sich. Aufgeladen mit Symbolen und Bedeutungen unterschiedlicher Durchlässigkeit vermag gerade diese Gleichzeitigkeit Resonanz und Antwort auf unsere emotionalen Verfassungen zu geben und Sinn zu stiften. Durch die Exposition von Kunst verwandelt sich der Innenraum selbst zum Erzeuger und Vermittler von Eindrücken und Impulsen. 

Im Herzen des Bauwerkes wird ein technisch ausgestatteter Cubus separate begehbare Kunstinstallationen ermöglichen. Jetzt, im Sommer, ruht er bereits als Monolith auf dem Podest.
Breitlachig umlegt von frischen Regenpfützen öffnet er sein Innerstes gegen die blaue Kette der Voralpen; der Eingang eines Fährschiffes, das in wenigen Monaten zu unbekannten Ufern aufbrechen wird. Im Schutz seines dann mit Tuch ausgekleideten Bauches wird Kunst immersiv erlebbar werden, im Gewirke von Licht und Dunkelheit, beweglichen Wänden und einer Bühne, die ihn mit der Ausstellungshalle verbindet. Ein Gesamt-Raum der Vermittlung, Darstellung, des Erzählens, der Verkörperung, der Enthüllung. Hier werden Eindrücke und Impulse erzeugt und individualisiert. RAUMdurchKUNST, Raum im Raum und Außenraum, Flexibilität in Konzeption und Nutzung.
Dieses Präsentationsformat ermöglicht sowohl unbegleitete wie geführte Kunsterlebnisse, denn auch Menschen, die sich bisher nicht intensiv mit Kunst befasst haben, sollen unbeschwert Zugänge finden. Immer wieder werden einstimmende Angebote die Aktionen begleiten, um persönliche Wege zur Kunst zu entwickeln und zu eröffnen. 

Wertung und ästhetisches Erleben sind untrennbar miteinander verbunden, denn parallel zur sinnlichen und intellektuellen Wahrnehmung lösen Kunstwerke emotionale Reaktionen aus. Kunsterleben vollzieht sich auf diesen drei Ebenen und ist deshalb stets individuell. Eine Verständigung über Kunst gelingt nur im Dialog, dem Austausch von Rede und Gegenrede. Daher wird RAUMdurchKUNST entsprechende Vorschläge auch zum emotionalen, sinnlichen und intellektuellen Verarbeiten des Kunsterlebnisses formulieren: Workshops, Vorträge, Lesungen, Dialogrunden und weitere Möglichkeiten zum menschlichen Austausch. Eine Küche, Garten und Außenbereich des Bauwerkes werden zum Verweilen einladen und Möglichkeiten anbieten zum Aufspüren der durch die Kunst hervorgerufenen Emotionen und Gedanken, zum Reflektieren, zum Mitteilen.  
 
Bei aller detaillierter Planung und Konzeption zeichnen sich die zeitlichen Erwartungen der Bauherren durch realistische Bodenhaftung aus, schließlich war es nur im Reich der Mythologie gelungen, die Welt in sieben Tagen zu erschaffen. Und Yvonne Fontane bricht auf, anderen Projekten entgegen. Der weiß-grüne Einsatzwagen der Polizei ist verschwunden. Hubschraubergeschwader ziehen nordwärts. Stumm nicke ich dem behauenen Stein einen kurzen Gruß zu, verlasse das Terrain durch die nun wieder der Dorfstraße ungeschützt zugewandten Einfahrt. 

Text: Gerd Lepic 2022